Spielidee
‚Bleib doch einfach zu Hause.‘

Februar 2021. Ich stehe in der muckeligen Küche eines Freundes, der gerade seinen dreißigsten Geburtstag feiert. Eine Gruppe leicht angetüddelter Geburtstagsgäste teilt sich auf in zwei Lager. Das Diskussionsthema: Der Heimweg in der U-Bahn. Eine Person erzählt von einer Strategie, die sie sich im Laufe der Jahre zugelegt hat: „Ich setze mich immer direkt an die Tür, dann kann ich sofort aussteigen wenn mir jemand komisch vorkommt.“
„Nein ich mach das genau anders rum!“, wird sie unterbrochen, „Ich setze mich möglichst weit weg von der Tür. Wenn ich viel Weg zur Tür habe, merke ich ob mir jemand folgt. Ist immer schwer einzuschätzen, ob ein Typ einfach nur in die selbe Richtung will, oder ob der was vorhat.“
Einige nicken. „Ja stimmt, manchmal setzt sich ein Typ direkt hinter dich, obwohl die ganze Bahn frei ist. Und dann weiß man ja nicht. Will der was? Oder checkt der einfach nicht, dass das komisch ist?
Ein raunen geht durch den Raum, einige verdrehen die Augen. „Vielleicht hat der sich auch einfach nur hingesetzt? Ich nehm‘ doch auch immer den Platz, der halt bei mir in der Nähe ist. Warum soll ich da weiter weg gehen?“
„Man kann’s auch übertreiben.“, fügt ein anderer Gast hinzu, „Nicht jeder will euch immer gleich was Böses.“
‚Will EUCH was Böses.‘ In diesem Moment fällt mir auf, dass die Gruppe sich im Raum geteilt hatte. Jetzt stehen sich Gäste gegenüber. Auf der einen Seite, Gäste, die von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Wie sie angeflirtet, angeschaut, angestarrt oder angefasst wurden. Auf der anderen Seite verdrehen die Gäste die Augen. Sie verstehen nicht, was an manchen der Geschichten so schlimm sein soll. Und bei den ’schlimmen‘ Geschichten, da gibt es scheinbar einfache Lösungen: ‚Einfach ein bisschen selbstbewusster in Bahn steigen.‘ ‚Dem Creep mal ordentlich auf’s Maul geben.‘ Oder auch ‚einfach nicht alleine raus gehen in der Nacht‘?!
Woher kommt jetzt das Spiel?

Auf dem Heimweg lasse ich mir die Situation durch den Kopf gehen.
‚Setz dich nah an die Tür.‘ ‚Setz dich weit weg von der Tür und beobachte, ob du verfolgt wirst.‘ ‚Nimm die Schlüssel zwischen die Finger.‘ ‚Setz dich immer quer hinter einen Menschen, der dir komisch vorkommt. Dann bist du aus dem Blickfeld, hast ihn aber im Blick.‘
Sind das Tipps? Es scheinen eher Strategien zu sein. Strategien, die von den Gästen auf der Küchenparty bewertet werden. Die kreativsten Tipps in der Runde wurden mit Nicken und lauten ‚Mhm’s belohnt. Am meisten Zustimmung hatten Tipps geerntet, die aufs Erste ungewöhnlich klingen. Als ob es Extra Punkte für eine Strategie gibt, die auch der ‚Typ in der Bahn‘ erstmal nicht blickt.
Aber wer bekommt die Punkte? Und für was? Was hat ‚der Typ in der Bahn‘ davon? Und was bringen mir selbst die Strategien? Bin ich sicherer, wenn ich scheinbar souverän reagiere? Ärgert sich der Typ dann? Soll das mein Ziel sein? Den Typ verwirren?
Es scheint also eine Reihe an Strategien zu geben. Diese werden gegen potentiell unangenehme Menschen in der Bahn ausgespielt. Und das auf unterschiedlichen Positionen:

Der Typ sitzt quer vor mir, ich sitze weit von der Tür entfernt. Wie viele Plätze bin ich entfernt? Zwei Schritte, drei Schritte, einen Platz dahinter? Ich zähle die Stationen runter. Mein Ziel ist es eigentlich nur nach Hause zu kommen.
‚Der Typ‘, der wohl beispielhaft für Gruselgestalten in der U-Bahn steht, hat damit ein paar Haltestellen Zeit, um mich zu verunsichern.
Das klingt alles irgendwie nach einem unangenehmen, strategischen Brettspiel. Mit vielen unausgesprochenen Regeln. Und das Ziel? Ist mit immer noch nicht klar.
Ich entschließe mich, der Frage nachzugehen und einfach mal trotzig einen Versuch zu wagen: Was passiert wenn daraus wirklich ein Brettspiel wird?
März 2021
Ein richtiges Brettspiel?
Ich erzähle ein paar Freund*innen von der Spielidee. Mich ärgert das belächelnde Verhalten der Gäste und deren Unwissenheit über ein Thema, das andere Menschen offensichtlich ständig begleitet. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich mich auch manchmal so verhalte. Schließlich gibt es viele Formen von Gewalt und Diskriminierung, von denen ich nicht betroffen bin.

Nach jedem Gespräch und jedem nachdenklichen Spaziergang folgen Ideen, wie ich das alles in ein Spiel verpacken könnte:
Vielleicht könnte ich eine Support Playlist anbieten. Mir hilft es manchmal mit Musik in meine eigene Welt abzutauchen, wenn mir die U-Bahn zu bedrückend vorkommt. Telefon Nummern für unterwegs sind auch immer gut. Eine Broschüre?
Manchmal würde ich gerne meine Wut loswerden. Aber ich fühle mich so überrumpelt, dass ich gar nicht weiß, was ich jetzt sagen soll. Vielleicht könnte ich eine Sammlung an diskriminierungsfreien Pöbeleien anbieten, dann können Betroffene kampfbereit in die U-Bahn schreiten.
KOTZBROCKEN!!!!! Das lässt sich bestimmt gut durch die Bahn schreien.
Plötzlich habe ich so viele Ideen, für Sticker, für Goodies, für mögliche Minispiele. Eigentlich lohnt es sich eine komplette Spielbox daraus zu machen.
19 April 2021
Arbeitsmodell
Einfach in die Eier hauen.
Jetzt habe ich einen riesigen Haufen an Ideen und eine wage Vorstellung davon, wie das Brettspiel funktionieren könnte. Dazu habe ich einen großen Stapel Notizzettel vor mir. Ich habe mich in den letzten Tagen durch meinen Freund*innen Kreis durch gequatscht und von meiner Idee erzählt. Jede Person, die schon mal belästigt wurde konnte immer direkt eine Strategie formulieren, die sie seitdem anwendet.

Da gibt es den Schlüssel in der Hand, den Notruf auf der Schnellwahltaste, den Platz an der Tür und die ‚Verrückte‘.
‚Die Verrückte‘ war hier eine Umschreibung für den Versuch, Männer bei einer Belästigung aus der Fassung zu bringen. Mit lautem Schreien und der Körperhaltung einer Untoten aus einem Film über eine Zombie Apokalypse.
Nicht alle Strategien fühlen sich für mich gut an. Gerade bei der Strategie vom Friedhof kommt die Frage auf, ob das nicht auch nach hinten losgehen kann. Würde ich das in einer ruhigen U-Bahn machen? Oder auf einer stark befahrenen Straße, wenn Leute vielleicht Panik bekommen und mir eine über braten? Und mache ich mich damit lustig über Menschen, die sonst ‚verrückt‘ genannt werden? Werde ich dann am Ende noch ausgelacht von den Menschen, die ich eigentlich verwirren möchte? Und kann ich in so einem Moment noch mehr Aufmerksamkeit ertragen?

Ich muss an einen Spaziergang mit einer Freundin denken, damals in der 9. Klasse. Die Freundin hatte sich Pfefferspray gekauft und wir wollten ausprobieren, wie gut wir damit zielen können.
Wir haben festgestellt, dass wir uns damit vor allem selbst ganz gut außer Gefecht setzen. Eine leichte Brise Wind hat unseren Mut zur Selbstverteidigung über den Haufen geworfen.
Mein Papa musste damals herzlich über die Geschichte lachen. Wie immer gab er mir den Tipp: „Einfach drauf hauen! Mitten in die Eier! Dann machen die gar nix mehr!“. Schon damals hatte ich da meine Bedenken. Ich, die laufende Spargelstange, hatte die Oberarme einer Heuschrecke und war ungefähr so sportlich, wie ein Sack Kartoffeln. Gut möglich, dass mich das Echo im Ernstfall umbringen könnte. Auch ‚einfach‘ die Polizei zu rufen, kam mir selten in den Sinn. Als ich erfahren habe, dass ich das anzeigen kann, wenn mich jemand im Bus zwischen die Beine greift, war ich 23. Als mir das zum ersten Mal passierte, war ich zwölf.
Es scheint keine wirklich gute Verteidigung für die Situationen zu geben. Einige Strategien scheinen sogar schlechte Konsequenzen für mich zu bedeuten. Andere sind an Bedingungen gebunden: Pfefferspray darf nicht in geschlossenen Räumen genutzt werden und nur bei kompletter Windstille. Laut schreien hilft nur, wenn Leute dabei stehen, die mir zu Hilfe eilen. Und Draufhauen ist nur eine Option, wenn ich einen Schlag zurück aushalten würde.
28. April 2021
Warum muss ich mitspielen?
Ich war zwölf als mir das erste Mal von einem fremden Mann zwischen die Beine gefasst wurde. Als ich erfahren habe, dass das verboten ist, war ich 23. In der Zwischenzeit wurden mir vor allem von erwachsenen Frauen eingetrichtert: ‚Sag niemals einem fremden Mann wo du wohnst.‘ ‚Wenn du dein Bus Ticket vorzeigst, verdeck deinen Nachnamen.‘ ‚Schrei ganz laut.‘
Mich ärgert, dass ich so viel beigebracht bekommen habe. Immer mit einem erhobenen Finger und immer mit diesem leichten Unterton, der mir zu verstehen gab: Wenn du dich nicht an diese Regeln hältst, bist du selbst schuld, wenn dir was passiert. Ich hatte die Verantwortung und ich stand unter Beobachtung. Dass begrapschen verboten ist und der ominöse ‚fremde Mann‘ etwas falsch macht, wurde nie erwähnt.
Warum muss ich als zwölfjährige so viel lernen und dieses blöde Spiel mitmachen? Warum hinterfragt das denn niemand?
Ich befinde mich irgendwo zwischen Neugierde auf das, was passiert, wenn ich ein Spiel daraus mache – und einem innerlichen Protest. Eigentlich ist das überhaupt kein Spiel. Da muss doch mal jemand die Regeln hinterfragen. Ich beschließe, diese Gradwanderung deutlich zu machen und nenne das Spielprojekt ‚Das ist kein Spiel mehr‘.
28. April 2021
Eigentlich wollte ich schöne Spiele machen.

Ich studiere zur Zeit im Games Master der HAW Hamburg. Jedes Jahr dürfen hier 20 Studierende all das lernen, was für den Start in die Industrie gebraucht wird. Wir lernen alles rund ums Unternehmen gründen, vertiefen Programmier Skills, wir entwickeln Character Designs und 3D Art.
Ziel des Masters ist es außerdem, ein fertiges Spiel zu entwickeln.
Oder zumindest einen ‚Vertical Slice‘, also einen spielbaren Ausschnitt aus einem Spiel. Am Ende des Masters wird dieses Spiel bewertet, ausgestellt und von Gästen unserer Abschlussveranstaltung durchgespielt.
Ich habe mich gerade erst von meinem Team getrennt und bin daher auf der Suche nach einem Spielprojekt, dass ich für mein Studium nutzen kann. Warum also nicht „Das ist kein Spiel mehr“ als Projekt einreichen?
Eigentlich liegt der Fokus im Games Master auf digitalen Spielen. Und eigentlich sollen wir im Team arbeiten und nicht alleine. Ich muss mein Spielprojekt also mit viel Selbstbewusstsein präsentieren und darauf hoffen, dass die Professor*innen alle Augen zudrücken. Ich brauche ein funktionierendes Arbeitsmodell und eine überzeugende Präsentation. Let’s go.
29. April 2021
Cover it up ?!

Als ersten Schritt für die Präsentation mache ich mich an die Verpackung des Brettspiels. Ich will ja schließlich seriös sein. Eine richtige Brettspiel Entwicklerin.
Meine erste Idee zu ‚Das ist kein Spiel mehr‘: Der Deckel soll Dinge zeigen, die Spiel gennant werden, aber eigentlich gar kein Spiel sind. Also Spiele, die man eigentlich nicht spielen kann.
Ein Windspiel hat zum Beispiel gar kein Spielziel. Laut den meisten Spieldefinitionen würde ein Windspiel also gar kein Spiel sein. Kommerzielle Fußballspiele sind Arbeit für die Spieler*innen. Was Arbeit und Beruf ist, ist kein Spiel mehr. Glücksspiele können süchtig machen und wer süchtig ist, spielt nicht freiwillig. Karten- und Würfelspiele sind also auch nicht immer ein Spiel.
Nach 6 Stunden verzweifeltem Rumgekritzele muss ich mir eingestehen, dass diese Idee einfach nicht funktioniert. Kein Mensch versteht, was ich mit den Skizzen sagen will. Nicht jeder Mensch beschäftigt sich mit Spieldefinitionen und ein Cover muss eigentlich auf den ersten sagen können, worum es im Spiel geht. Ich brauche also entweder mehr Zeit oder eine bessere Idee für das Cover. Vielleicht fange ich doch besser mit der Mechanik meines Spiels an.
29. April 2021
Figuren, Karten, Würfel, Felder
Was auch immer bei diesem Spielprojekt rauskommen soll, es wird wohl kein Unterhaltungsspiel. Für mich ist es ein Experiment, im zweiten Gedankengang vielleicht sogar eine Art Protest. Es soll zeigen, wie absurd es ist, dass niemand diese Strategien hinterfragt. Vielleicht macht es ein paar der Strukturen sichtbar, die Belästigungen überhaupt erst möglich machen. Und vielleicht kann es ein bisschen zum nachdenken anregen. Mich hat es jedenfalls schon zum Nachdenken angeregt.
‚Das ist kein Spiel mehr‘ ist also ein ‚Serious Game‘, ein Spiel, das nicht allein der Unterhaltung dient, sondern Inhalte vermittelt oder zum Nachdenken anregt.

Ich fange an die Notizzettel zu sortieren, auf denen ich alle Strategien gesammelt hatte. Die Strategien lassen sich sortieren in verschiedene Belästigungssituationen:
Bei manchen Strategien geht es ums angestarrt werden oder um heimliches fotografieren, das Pfefferspray bezieht sich dagegen eher auf körperliche Angriffe.
Der Stapel an Notizzetteln lässt sich also sortieren. Es gibt Angriffe, die ich als einen Spielzug ausformulieren kann, und Verteidigungen dagegen.
Die Angriffe und die Verteidigungen sind auf jeden Fall abhängig von den Positionen, auf denen sich die U-Bahn Gäste befinden.

Betroffene können nur angestarrt werden, wenn ein direkter Blickkontakt besteht.
Ein ‚Catcall‘, also ein Hinterherpfeifen oder ein Hinterherrufen, funktioniert nur im Vorbeigehen. Unangenehme Blicke aufs Handy kommen nur von Menschen, die neben mir sitzen und dabei in die selbe Richtung schauen. Es braucht also ein Spielfeld.
Diese Positionen und Regeln müssen irgendwo festgehalten werden. Am besten nicht nur in einer Anleitung. Kein Mensch mag Anleitungen lesen. Handkarten könnte eine gute Idee sein.

Darauf steht dann wann welche Strategie angewendet werden kann: Eine Freundin anrufen und nach Unterstützung fragen geht nur, wenn die Bahn gerade nicht in einem Funkloch unterwegs ist.
Ein Angriff wie ‚Anstarren‘ findet nur statt, wenn der Täter sich vorher direkt vor mich setzt. Und die Konsequenzen? Meine ‚emotionalen Kapazitäten‘ werden immer weniger.
30. April 2021
Wo ist der Bus??
Ich fange an Handkarten zu basteln und ein Spielbrett zu zeichnen. Für die Handkarten müssen ein paar Karteikarten aus dem achte Klasse Französischunterricht herhalten. Zwei Textmarker trennen die Karten in Angriffskarten und Verteidigungskarten. Ein paar Skizzen sorgen dafür, dass die Karten schneller erkennbar sind. Drei Streichhölzer bilden das Score System – die emotionalen Kapazitäten, um die gespielt wird.



Kleine Symbole unter den Bildern sollen die Logik hinter den Karten erklären. Ein S steht für eine Straftat, gegen diese Angriffe kann ich die Verteidigungen „Polizeiruf“ oder „Bahnangestellte“ einsetzen. Ein X markiert Angriffe, die so schnell oder heimlich passieren, dass ich mich kaum dagegen wehren kann. Ein P für ‚passiv‘ bedeutet, dass ich in eine Situation hineingezogen werde, aus der ich mich schwer selbst befreien kann: Wenn ich in ein unangenehmes Gespräch hineingezogen werde, hilft es, wenn eine Freundin mich anruft.

Beim Spielbrett wird es komplizierter. Es muss Sitz- und Stehplätze geben und ein paar Türen. Aber schon beim ersten Versuch radiere ich fünf mal und verändere die Anordnung. Vielleicht macht es Sinn ein Modell zu bauen.
Aus Finnpappe bastle ich ein paar Stühle und ein paar Vierecke. So kann das Spielfeld bei einem Testspiel schnell angepasst werden.
Ich lade ein paar Freund*Innen ein, um das Spiel zum ersten Mal zu testen. ich möchte vor allem wissen, ob das Spiel wirklich funktioniert: Trauen sich Menschen in die Rolle eines Angreifers zu schlüpfen? Lässt sich das Spiel gewinnen und verlieren? Und machen die Handkarten so überhaupt Sinn?
Darin liegt der Vorteil gegenüber einem digitalen Spiel: Ich kann mit ein paar Papierschnipseln ausprobieren, ob mein Spielprinzip funktioniert. In einem digitalen Spiel kommt Programmierung hinzu, es braucht eine Umgebung mit ein paar Elementen und das Spiel muss sich schon beim Testen einigermaßen gut steuern lassen. Bei einem Papiermodell können Testspielende auch selbst das Spielfeld ändern und ein bisschen was herum schieben.
1. Mai 2021
Spielentwicklung
Ist das etwa doch ein Spiel?

Sonntag Nachmittag, ein paar Freund*innen treffen zu einem gemeinsamen Testspiel ein. Ich habe Salzstangen und Wassermelone bereitgestellt und ein paar leere Karteikarten, damit wir neue Ideen direkt umsetzen können.
Zu meiner Erleichterung stelle ich fest, dass mein Konzept aufgeht. Die Sammlung an Papier-schnipseln lässt sich wie ein Brettspiel spielen.
Nicht nur das. Wir reden über die Hemmung, einem ernsten Thema im Kontext Spiel zu begegnen. Wir reden über eigene Erfahrungen, eigene Strategien, Hilfestellen, Kampfsport, Kunstprojekte. Feminismus, Wut und Bedürfnisse.
Wir fangen an unser Spielverhalten zu reflektieren und stellen fest, wir lassen auch unbewusst erlernte Verhaltensweisen einfließen. Das Spiel bietet die Möglichkeit Bedürfnisse, vielleicht aber auch ein bisschen Persönlichkeit einfließen zu lassen: Menschen, die laute Umgebungen eher vermeiden, setzen sich auch im Spiel an den Rand des Spielfelds. Im Spiel verschafft das zwar eine kurze Verschnaufpause nach dem Einstieg. Verteidigungskarten wie „eine fremde Person greift ein und unterstützt mich“ können jedoch nicht ausgespielt werden. Andere gehen lieber auf Krawall, bewegen sich viel, blockieren Figuren, spielen risikoreiche Verteidigungskarten aus.

Ich merke, dass das Spiel über ein wütendes Experiment hinausgeht.
Ich habe so viel über mich selbst gelernt, über Hilfestellen und verschiedene Bedürfnisse. Ich hatte das Gefühl, ich kann beim nächsten Mal aufmerksamer in eine Bahn steigen. Ich fühle mich ein bisschen sicherer darin, andere Menschen in einer unangenehmen Situation zu unterstützen.
Ich beschließe leere Karten zu einem festen Bestandteil des Spiels zu machen. Für mich war vor allem das Gespräch während des Spiels wertvoll. Nicht nur wegen der Denkanstöße. In den zwei Stunden Playtesting sind dabei sechs neue Karten entstanden: Es gab viele neue Ideen dazu, was uns in solchen Situationen helfen könnte. Und auch Strategien von Tätern, die ich nicht kannte. Es gab so viel Wissen, das wir austauschen konnten. Dieser Austausch sollte einen festen Platz im Spiel bekommen.
Zum Ende des Abends kann ich auch noch ein paar Spieldurchgänge nutzen, um am Scoresystem und den Regeln herum zu tüfteln. Ich habe einen riesigen Berg an neuen Ideen und wichtigem Input vor mir liegen. Ich bin dankbar aber auch angestrengt vom dem Gedanken, dass ich das jetzt alles irgendwie umsetzen muss.
02. Mai 2021
Das geht noch plakativer.

Eine Freundin bleibt nach dem Spielabend noch etwas länger. Wir reden über das Problem, dass ich bei der Gestaltung der Spielbox hatte. Sie ist eine Person, die ich schon immer für ihre deutliche, aber bedachte Art im Umgang mit feministischen Themen geschätzt habe. Sie ermutigt mich auch mit dem Cover etwas deutlicher zu werden.
Schließlich war das Spiel zuerst als Protest gedacht.
Ihre Idee: Den Schriftzug ‚Das ist kein Spiel mehr‘ auf das Cover setzen und mit einer Masse aus Sprüchen zu gestalten, die belästigend gegen Menschen verwendet werden. Die Sprüche, die wir auf dem Heimweg ertragen, sollen deutlich, schwarz auf weiß (hier eher weiß auf schwarz) zu sehen sein. Die Menge an Sprüchen soll zeigen, dass es nicht „nur ein dummer Spruch“ ist. Es sind so viele Sprüche, dass eine Struktur dahinter zu erkennen ist. Mein Spiel sollte von Anfang an deutlich machen, was ohnehin schon da ist. Das Cover des Spiels macht so gesehen genau das Gleiche: Die vielen Belästigungen machen den Schriftzug ‚Das ist kein Spiel mehr‘ überhaupt erst sichtbar.
03. Mai 2021
Na? Bock zu ficken?
Jetzt heißt es Sprüche sammeln. Fühlt sich eigentlich ein bisschen kontraproduktiv an. Eigentlich will ich, dass die Belästigungen weniger werden. Und jetzt setze ich gerade ein Dokument auf und verteile die schlechten Ideen noch weiter.

Gleichzeitig bin ich ein bisschen neugierig. Ich habe ganz oben auf der Liste angefangen:
„Darfst du so spät überhaupt draußen sein? In dem Kleid siehst du aus wie 16!“, hatte mir mal ein Mann hinterher gerufen. Offensichtlich als Beleidigung gedacht, denn ich war Mitte 20 als das passierte.
Aber das sind meine Erlebnisse. Geht das anderen Menschen genauso?
Hören andere Frauen auch andere Sprüche? Wie ist das bei trans* Frauen? Bei Schwarzen Frauen? Bei Muslim*innen? Und wie ist das bei queeren Männern? Oder bei behinderten Menschen?
Ich schreibe einen kurzen Text, der das Projekt erklärt und beschreibt, was ich mit den Sprüchen machen möchte. Erstmal verteile ich den Link im Freund*innenkreis, später auch in feministischen Gruppen. Bei Präsentationen lade ich Menschen dazu ein, ihre Erlebnisse über diese Sammlung mit mir zu teilen.
Häufig muss ich aber gar nicht darum bitten. Viele möchten von sich aus über ihre Erlebnisse reden. Im Gespräch über das Projekt oder bei weiteren Testspielen. Ich merke, dass ich mich damit auseinandersetzen muss, wie ich mit diesen Situationen umgehe. Wenn Menschen von Belästigungen oder auch von Missbrauch erzählen. Schließlich bin ich darin nicht ausgebildet, eigentlich bin ich Game Designerin. Ich freue mich darüber, dass Menschen ihre Gedanken mit mir teilen, es fühlt sich aber auch nach ganz schön viel Verantwortung an.
Wie begleite ich Menschen nach einem unangenehmen Erlebnis?
Hier entsteht ein Leitfaden aus der Recherche von damals. Mit Buchtipps, Webseiten und Hilfestellen, die weitere Informationen bereithalten.
4. Mai 2021
Fake it till you make it.

Die erste Ideenpräsentation steht bevor. Das heißt ich darf meine Spielidee zum ersten Mal vor Lehrenden und meinen Mitstudis präsentieren.
Ich habe also 20 Minuten Zeit um das Konzept zu erklären und wie mein Spiel ungefähr aussehen soll. Es braucht einen Zeitplan, Verweise auf ähnliche Spiele und es soll erkennbar sein, was mein Ziel ist. Vor allem braucht es aber eigentlich ein Team.
Ziel des Games Masters ist es mit einem Spiel schon mal den Weg in die Industrie zu begleiten. Wir lernen uns als Team zu organisieren, realistische Ziele zu setzen, Prioritäten setzen. Als Klausur wird die Bewerbung auf ein Fördergeld nachgestellt und in einem Seminar lernen wir alles, was zur Unternehmensgründung dazu gehört.
Dabei finden sich in der Regel Zweier- bis Fünferteams zusammen, die je nach Bedarf aus Programmierenden, einer Projektleitung und 2D- oder 3D-Artists bestehen. Denn auch wenn der Begriff ‚Games‘ viele verschiedene Arten von Spielen umfasst, der Games Master ist eigentlich auf digitale Spiele ausgelegt.
Keine dieser Studienziele trifft auf mein Projekt zu. Ich mache ein Brettspiel, kein PC- oder Mobilegame Ich habe kein Team, ich brauche aber auch kein Team. Ich habe mit einem Brettspiel viel weniger Aufwand, als mit einem digitalen Spiel. Ich muss nicht programmieren, ich muss nichts animieren. Ich muss keine Welt in 3D nachbauen und als Arbeitsmodell reichen ein paar Papierschnipsel. Ich freue mich zwar über jeden Input, ein festes Team braucht es jedoch nicht. Wer würde da auch einsteigen wollen: Mit einem Brettspiel lässt sich ungefähr genauso gut Geld verdienen, wie mit einer guten Idee für ein Kinderbuch. Eher gar nicht.
Und dann noch ein feministisches Pöbelspiel, mit dem ich mir früher oder später ordentlich Feinde mache. Das wird ein Projekt im Alleingang.
Ich muss die Lehrenden also davon überzeugen ein Projekt zu dulden, das dem Studienziel widerspricht. Ich arbeite nicht im Team, nicht interdisziplinär, wie gefordert. Ein Businessplan interessiert mich herzlich wenig, ich weiß, dass ich damit nicht groß Geld verdienen werde. Und als analoges Spiel muss jede einzelne Prüfung auf mich angepasst werden.

Mein Plan geht auf.
Ich bekomme mein Konzept durchgeboxt und bin positiv überrascht: Alle Lehrenden sind sehr unterstützend, ich bekomme viele gute Ideen und Anlaufstellen mitgegeben.
Anlaufstellen, Tipps und Regeln
15/16. Mai 2021
Umsetzung
Erstmal ’ne To Do Liste
Jetzt habe ich also das Go bekommen und kann voll mit der Planung beginnen.
Mein Spiel ist ein Serious Game. Das heißt neben dem Gestalten der Spielmaterialien und den Testspielen kommt auch eine gründliche Recherche hinzu.

Ich habe viele Fragen im Kopf:
- Was passiert, wenn ich in der U-Bahn den SOS Knopf drücke?
- Wen kann ich anrufen, wenn ich auf dem Heimweg Angst bekomme?
- Mache ich mich strafbar, wenn ich Pfefferspray benutze?
- Was haben andere Menschen in meiner Situation gemacht?
- Und wohin mit meiner Wut, wenn mir etwas passiert?
Einiges davon lässt sich sicherlich von zu Hause aus recherchieren. Es gibt Beratungsstellen, die Tipps mitgeben. Es gibt Bücher und Leitfäden und feministische Telegram Gruppen, in denen schon viel Wissen vorhanden ist. Bei einigen Fragen lohnt es sich aber vielleicht nochmal genauer nachzuhaken. Ich beschließe eine Liste anzulegen. Mit Expert*innen, die ich mal um ein Interview bitten könnte.
Gleichzeitig muss ich ein bisschen das Ziel im Auge behalten. Ich möchte schließlich kein Buch schreiben, sondern ein Spiel mit Begleitmaterial herausgeben.
17. Mai 2021
Das ist also dieses professionell sein…
Die Seminare im Games Master sind meistens darauf ausgelegt, dass wir gelerntes direkt am eigenen Spielprojekt ausprobieren können. Dazu gibt es Fragerunden, Feedback und das ein oder andere Beratungsgespräch. Im Seminar ‚Entrepreneurship‘ bekommen wir Input von Rechtsanwält*innen, die sich auf Spielentwicklung spezialisiert haben. Das heißt, wir bekommen einen kurzen Überblick über Themen wie Unternehmensgründung, Markenrecht, Lizenzen, Angebote und Verträge.

Am Ende des Seminars besteht unsere Prüfung aus einer Präsentation, in der simuliert wird, dass wir uns auf eine Förderung bewerben. Um genau zu sein, auf die Prototypen Förderung der ‚Gamecity‘ Hamburg.
Dafür braucht es eine Marktanalyse, einen groben Businessplan und ein überzeugendes Konzept dazu, was wir mit dem Fördergeld machen würden.
Ich hasse die Diskussion um die Wirtschaftlichkeit meines Spiels und mich nervt schon wieder, dass verlangt wird, jede einzelne Idee in meinem Kopf zu kommerzialisieren.
Meine Dozent*innen haben aber natürlich trotzdem recht. Was nützt es ein Spiel zu gestalten, das am Ende nie veröffentlicht wird. Nicht weil das Spiel schlecht ist, sondern weil ich zu bockig für einen Finanzierungsplan bin.
Ich beschließe das Problem auszulagern. Mit einer Flasche Sekt und einer Tüte Gummibärchen mache ich mich auf den Weg zu ein paar Freund*innen. Ich weiß, dass ich offener für Kritik und neue Ideen bin, wenn mir Menschen gegenübersitzen, denen ich vertraue.

Wir schauen uns erstmal an, was zu einer Marktanalyse dazu gehört. Was ist das denn überhaupt?
Schon bei der Recherche brodeln die ersten Ideen. Ideen, an die ich vorher nie gedacht hätte. Ein paar Stunden später entwerfen wir ein Konzept, um das Spiel in soziale Einrichtungen einzubinden. Dagegen hatte ich mich immer gewehrt, weil mir die Entscheidungsfreiheit für mein Spiel viel zu lieb geworden war. Wir sammeln Institutionen, die potentiell damit arbeiten könnten und planen Werbestrategien, die wirklich jenseits von Gut und Böse liegen. Wie so oft sitzen wir morgens um 7 in der Küche und diskutierten noch immer wild. Ich habe viele Ideen, einen großen Plan, eine halbfertige Präsentation und vor allem bin ich hundemüde und muss dringend eine Nase Schlaf nachholen.
Liste der Projekte, die uns bei der Recherche untergekommen sind.
25/26 Juni 2021
Hast du schon mal an ein Mobile Game gedacht?
Kurz vor der Prüfung schaue ich mir nochmal die Präsentation und die Anforderungen der Gamecity Förderung an. Mich hat die Arbeit an der Prüfung zwar enorm weiter gebracht, aber irgendwie fühlt es sich falsch an, mich mit einem Brettspiel auf eine Förderung für digitale Spiele zu bewerben. Ich soll mein Projekt kommerzialisieren und dann auch noch in einer Reihe mit unterhaltsamen Videospielen präsentieren? Mein Spiel ist nicht lustig, mein Spiel lebt davon, dass Spielende an einem Tisch sitzen und ich weigere mich eigentlich auch, Geld aus Belästigungen zu ziehen.

Am Abend vor der Prüfung beschließe ich nochmal alles umzuwerfen und meinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Ich habe mich auf das Seminar eingelassen, hab viel gelernt und mitgenommen.
Trotzdem fällt mir auf, dass mein Projekt in ein Format gepresst wird, in das es nicht rein gehört. Eigentlich möchte ich nochmal protestieren und die Grenzen der Hochschule ein bisschen austesten.
Mit zwölf Stunden bis zur Prüfung – das ist natürlich auf den letzten Drücker. Mal schauen was mir noch einfällt.
28. Juni 2021
Wenn die erste Frage ist: „Ist das dein Ernst?“, kannst du schonmal eine Frage beantworten.
Ich entwickele ein Konzept für eine App, auf der das Brettspiel als Mobile Game gespielt werden kann. Um das Ganze zu Refinanzieren, werden über die App parallel Männer erpresst, die ungefragt Bilder von ihren Penissen verschicken.

Eine Person, die durch ein Dickpic belästigt wird, kann das Penisbild einsenden. Das Bild wird dann über die App veröffentlicht und wenn die Täter ihre eigenen Penisse wieder erkennen sollten, können sie die Bilder für 2.500€ aus der App entfernen lassen.
Damit ist das Projekt auf jeden Fall digital, kommerziell und ein Spiel.
Das Konzept ist natürlich mehr als fragwürdig und verstößt darüber hinaus gegen allerlei Gesetze und moralische Grundvorstellungen. Ich rechne mindestens mit kritischen Blicken.
Zu meiner Verwunderung werde ich aber in allen Punkten ernst genommen, bewertet und bestehe die Prüfung. Zum Glück ist die Prüfung nur eine Simulation, ich muss mein Spiel nicht wirklich kommerzialisieren und mich vor allem auch nicht strafbar machen.
Special Thanks an dieser Stelle an die Dozent*innen Anke und Eric, die eigentlich mit einer netten Brettspiel Präsentation gerechnet hatten.
29. Juni 2021
Was jetzt?
Ich habe nach wie vor keinen festen Plan wo es mit dem Spiel hingehen soll. Soll ich einen Verein gründen, soll ich mich mit Beratungsstellen zusammen tun? Vielleicht ist das Spiel auch in der Jugendarbeit sinnvoll einzusetzen?
Ich kenne mich (noch) zu wenig mit pädagogischen Leitfäden aus, um zu garantieren, dass mein Spiel in jeder Organisation sicher zu Anwendung kommen kann. Dazu zweifle ich sehr daran, dass ich innerhalb eines Semesters einen Verlag finde, der mein Spiel anbieten möchte. Ich weiß so gesehen noch nicht einmal, ob aus ‚Das ist kein Spiel mehr‘ jemals offiziell ein Spiel wird.
Mir ist es aber wichtig, mindestens eine Projektdokumentation zu veröffentlichen. Ich habe so viel recherchiert und so viele wertvolle Gespräche geführt. Ich möchte mindestens mein Wissen teilen. Mir wird deshalb klar: ‚Das ist kein Spiel mehr‘ braucht eine Webseite.
Die Priorität für mein Studium liegt natürlich erstmal beim Spiel. Der Plan ist deshalb Anfang Januar mit der Arbeit an einer Webseite zu beginnen.
30. Juni 2021
Gestaltung
Wie sieht das denn aus…
Neben den Pflichtseminaren dürfen wir auch ein Free Elective wählen. Das heißt wir dürfen Kurse belegen, die nicht fester Bestandteil des Games Masters sind, solange es einen Bezug zu unseren Spielprojekten hat. Ich entscheide mich für ein Seminar, in dem ich das Programm ‚ProCreate‘ näher kennenlerne. Hier geht es um 2D Art, genauer gesagt um Pixelzeichnungen. Ich kann animieren lernen, eine eigene Schriftart entwerfen, verschiedene Pinsel ausprobieren und bekomme Grundlagen rund um digitale Zeichnungen mitgegeben. Ich lerne vor allem viel übers Illustrieren, der Kurs gehört nämlich eigentlich zum Master ‚Illustration‘.

Es gibt keine feste Prüfung. Alle Teilnehmenden legen ihr Ziel für das Semester selbst fest. Das heißt, wir arbeiten an unseren eigenen Projekten und können dabei am Zeichenprogramm herum probieren.
Alle drei Wochen stellen wir dann unsere Zeichnungen vor und bekommen Tipps und Verbesserungsvorschläge.
Das Seminar ist perfekt, um mich endlich an die Gestaltung des Spielmaterials zu machen. Bisher gibt es ein Arbeitsmodell aus Pappe, ein paar Karteikarten und eine grobe Idee für das Cover der Spielbox. Es gibt also noch viel zu tun.
Ich brauche:

ein Layout für die Spielkarten

ein Spielbrett

eine Verpackung

eine Schriftart

eine Farbpalette

Symbole für die Anleitung

ein Icon für die Webseite

Sticker und Merch

Beleidigungs-Quartett
Für die kommenden ProCreate Seminare setze ich mich also an die Karten des Beleidigungsquartetts und gestalte das Cover der Spielbox soweit, dass ich ein Probespiel drucken kann. Dazu gehört dann auch eine Schriftart und eine Farbpalette. Die Spielkarten sollten einheitlich gestaltet sein, die Farben könnten helfen die Karten und das Spiel schneller lesen zu können. Außerdem wäre auch eine einheitliche Schrift für das gesamte Spielmaterial sinnvoll.
April 2021
Rotzig, duster, deprimierend?

Ich möchte mit meinem Spiel unangenehme Themen ansprechen. Es geht um sexualisierte Gewalt, das möchte ich nicht bagatellisieren und will auch nichts davon ins Lächerliche ziehen. Ich will nichts beschönigen und möchte auch, dass eine unangenehme Atmosphäre vermittelt wird.
Das selbe unangenehme Gefühl wird schließlich auch gegen mich benutzt, wenn ich in eine Bahn steige und belästigt werde.
Trotzdem soll das Spiel als solches funktionieren. Ein Spiel bedeutet auch Spaß und freiwillige Teilnahme. Menschen sollen sich mit ihrer Perspektive auseinandersetzen und sich reflektieren, vielleicht etwas Neues dazu lernen. Ich möchte Betroffene auch nicht retraumatisieren.
Mein Spiel soll also konfrontieren, aber nicht über ein ertragbares Maß hinaus und nicht so, dass es Menschen Schaden zufügt. Unbequem aber nicht schmerzhaft also.
Leitfaden: Wie gestalte ich ein Spiel, das sensible Themen anspricht?
April 2021
Alles Palletti

Ich entscheide mich als ersten Schritt für einen schwarzen Hintergrund. Das bringt eine düstere Atmosphäre hervor. Bunte Farben für die Zeichnungen werden dann auch weniger verspielt oder kindlich wahrgenommen.
Farben helfen das Spielmaterial leicht verständlich zu machen. Grün ist dieses Team – Lila ist dieses Team.
Schwarz als Hintergrund bedeutet auch, dass jede andere Farbe hell und knallig werden muss. Sonst lassen sich die Karten bei schlechtem Licht kaum lesen.
Ich wähle Lila und eine Art Minzgrün. Damit nimmt mein Projekt einen klaren Bezug. Lila ist eine Farbe, die häufig in feministischen Kontexten auftaucht. Oft auch bei größeren Veranstaltungen, um Awareness Teams zu markieren. Awareness Teams unterstützen Menschen, die z.B. sexualisierte Gewalt erfahren haben. Pink, Rot und Blau werden häufig verwendet, um Menschen ein Geschlecht zuzuordnen. Ich möchte aber nicht, dass das Spiel so eindeutig in „der Mann als Täter, die Frau als Betroffene“ einteilt. Ich entscheide mich deshalb für ein Minzgrün.
Mein Spiel soll schrabbelig, pöbelig, ungenau, laut und feministisch aussehen. Lila, neonpink, rosa, weiß… Das sind Farbkombinationen, die in queerfeministischen Kreisen durchaus einen gewissen Wiedererkennungswert mit sich bringen. Menschen können also mein Spiel sehen und direkt erkennen: Oh, jetzt kommt etwas unbequem feministisches. Praktisch.
2. Juli 2021
Du elende Schreckschraube!!!
Für mein Pöbelquartett brauche ich 32 Karten. Das heißt ich muss 32 Beleidigungen sammeln, diese in 8 Kategorien einteilen und dann ein Bild für jede einzelne Karte zeichnen. Der Stil soll skizzenhaft und damit verletzlich wirken. Mein Spiel ist eine Idee und eine hingerotzte Kritik, eine Frage und ein böses Raunen. Eine Skizze sogesehen. Minimalistisch soll es sein, damit es leicht erkennbar ist. Aber auch, weil Schnörkel und Details nicht alles verniedlichen sollen. Ich experimentiere ein bisschen mit Flächen und Strichzeichnungen, mit Kontrasten und Farben.

Am Ende schaffe ich es sogar alle 32 Karten zu bebildern.
Es gibt Punkte, die angeben, ob eine Beleidigung ‚versatil‘, also vielseitig einsetzbar ist. „Du treulose Tomate!“ ist ziemlich spezifisch. „Kotzbrocken!“ kann ich dagegen in vielen, unterschiedlichen Situationen benutzen. Sehr versatil also! Außerdem gibt es Punkte, wenn die Beleidigungen möglichst aggressiv oder lustig sind.
Die 8 Kategorien sollen durch die Farbe gekennzeichnet sein. „Du Pflaume!“ ist eher naturbezogen. Dafür bietet sich ein sanftes Grün an. „Du Schnarchnase!“ ist dagegen ein klarer Hinweis für Menschen, die einen Moment unaufmerksam waren. Vielleicht ein Gelb? So wie die Vermerkordner in einer Behörde?
5. Juli 2021
Nur A_rschlöcher B_agatellisieren C_atcalls

Bis jetzt steht nicht fest, ob ich mein Brettspiel ganz offiziell drucken und verkaufen möchte. Viele Schriftarten stehen unter einer Lizenz und dürfen gar nicht für kommerzielle Projekte genutzt werden. Für die Spielkarten oder auch die Anleitung muss ich also eine Schrift suchen. Die muss entweder uneingeschränkt nutzbar sein. Oder:
Ich kann eine eigene Schrift erfinden.
Meine Schrift soll einen anklagenden Charakter haben. Vielleicht eine Schrift in Kapitälchen? Kapitälchen würde heißen, ALLE BUCHSTABEN SIND GROSS GESCHRIEBEN. Sie sind nur unterschiedlich hoch. Dann wirkt es wirklich so, als würde der Text schreien.
Die Schrift soll ein wenig pöbelig wirken aber trotzdem unsicher. Vielleicht etwas handschriftliches oder skizzenhaftes, das trotzdem sauber und lesbar bleibt. Nicht verschnörkelt aber auch nicht stumpf. Definitiv eine Druckschrift. Ich dokumentiere ja schließlich und zeige auf, was Menschen erleben. Vielleicht irgendwas dazwischen?

Schrift downloaden und verwenden
12. Juli 2021
Zwischenstand
An der Hochschule steht heute die zweite Ideenpräsentation an. Das heißt wir stellen alle unsere Projekte vor und zeigen, was wir bis jetzt umgesetzt haben. Wir reden über Probleme, vor denen wir noch stehen und diskutieren gemeinsam wo die Schwachstellen unserer Spiele sein könnten. Ich fasse zusammen, was bisher passiert ist:

Ich habe nach ein paar Testspielen festgestellt, dass es lange dauert, bis die ersten Karten gelegt werden.
Die Sitzplätze im Vierer haben besondere Funktionen und auch die Tür ist interessant für den Spielverlauf. Auf den Stehplätzen dazwischen passiert allerdings wenig. Bei zu vielen Stehplätzen wird das Spiel schnell ermüdend.

Das Design wurde düsterer. Ich bin mir mittlerweile im Klaren darüber, welche Gefühle ich vermitteln will:
Ich will nicht traumatisieren. Trotzdem möchte ich die Ausweglosigkeit und die unsichere Atmosphäre einer Belästigungssituation aufzeigen. Das wird nicht nur durch die Inhalte des Spiels, sondern auch durch ein Art Konzept vermittelt.
Mittlerweile gibt es eine Schrift, einen Zeichenstil und eine Farbpalette. Ich kann also anfangen die Spielmaterialien zu zeichnen und einem Probedruck zu wagen.

Es gibt die ersten gedruckten Karten für das Quartett. Noch sind es keine festen Spielkarten:
Ich habe im Copyshop um die Ecke alles auf normalem 80g Papier gedruckt. So kann ich darauf herum kritzeln und die Karten verändern. Mit Bastelkleber und Schere sind die Rückseiten einfach plump auf die Vorderseiten geklebt. Für einen Probedruck genügt das wohl.

Ich habe über das Scoresystem nachgedacht und mich klar dafür entschieden, dass jede Form der Belästigung ’nur‘ eine emotionale Kapazität abverlangt.
Ich möchte keine Diskriminierungsformen gegeneinander aufwiegen. Eine rassistische Pöbelei soll Schaden auslösen, genauso aber auch ein Catcall oder ein heimlich geschossenes Foto.
Die Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl, die Selbstwahrnehmung von Betroffenen und auf die Angst vor der nächsten Bahnfahrt lässt sich nicht in vergleichbare Maßstäbe gießen. Wozu auch. Wichtig für das Spiel ist zu zeigen, dass ein Schaden zugefügt wird. Eine Bewertung und einen Vergleich dieser Schäden braucht es nicht.
20. Juli 2021
Fancy a Drink ‚Pöbelei‘?
Wir kommen so langsam raus aus der Corona Pandemie und der Sommer lässt endlich mal wieder Urlaube, Reisen und Festivals im kleinen Rahmen zu.

Das nutze ich natürlich aus und nehme meine Spiele mit. Ich mache einen Wanderurlaub in den Kaparten und besuche ein kleines Minifestival.
In Rumänien stelle ich fest, dass mein Pöbelquartett auch ohne Deutschkenntnisse gespielt werden kann. KOTZBROCKEN ist wohl ein sehr lautmalerisches Wortgebilde. Jede*r versteht, dass das kein Kompliment ist.
Auf einem kleinen Minifestival spielen Gäste mein Brettspiel durch. Bei Infoständen sammele ich ganz viele Flyer von Beratungsstellen und Projekten, die ähnliche Themen ansprechen.
Es hat sich also gelohnt zuerst das Spielmaterial zu gestalten und die Grübeleien über den Verkauf des Spiels hintenan zu stellen. Mit ein paar Spielkarten komme ich besser ins Gespräch mit Menschen, als mit einem wasserdichten Businessplan.
Sommer 2021
Ein richtiges Spiel!
Ende August bestelle ich ein paar weiße Spielkarten. Dazu ein paar Würfel, eine unbedruckte Spielbox und zwei kleine Schächtelchen.

Mit einem Besuch beim Copyshop, einer Schere und viel Bastelkleber entsteht so das erste Brettspiel zum Aufklappen.
Meine Hochschule lädt zu einem Werkstattgespräch ein. Dort sollen unsere Spiele getestet werden. Dozent*innen können ihren Senf dazu geben, aber Kommiliton*innen und Gäste. Eine gute Gelegenheit das Design zu testen.
Das Modell aus Papierschnipseln war für den Anfang super. Ich konnte flexibel hin und her schieben und neue Ideen ausprobieren. Jetzt weiß ich, wie das Spiel funktionieren soll. Aber es wird Zeit das Design auszuprobieren. Kommen die Gefühle rüber, die auch auslösen möchte?
30. August 2021
Eine seriöse Präsentation braucht unseriöse Sticker.

Endlich kann ich mit der Gestaltung der Spielbox beginnen. Und zu jeder guten Spielbox gehört nerdiger Kleinkram:
Mein Spiel soll pöbelig-feministisch werden, daher dürfen Sticker auf keinen Fall fehlen. Ich mache mich also an die Gestaltung von kleinen Give-Aways, mit denen Menschen unterschwellig ihren Mittelfinger zeigen können.
4. September 2021
6 Monate Arbeit – zerlegt in 2 Spielzügen
Beim Werkstattgespräch lasse ich mein gebasteltes Spiel zum ersten Mal testen. Ich stelle ein paar Snacks bereit, erkläre die nötigsten Regeln und dann schaut ich zu. Eine gute Idee muss ohne viel Erklärung funktionieren.
Ich versuche mich also aus dem Spiel heraus zu halten und erstmal nur zu beobachten. Das Ganze geht genau zwei Minuten lang gut, denn in dieser kurzen Zeit stellen zwei Professoren mein Spiel komplett auf den Kopf. Beide versuchen gar nicht erst zu spielen, sie versuchen jedes mögliche Schlupfloch im Regelsystem zu finden.

Ich dachte schon, ich hätte große Freude daran, Spielideen auf die Spitze zu treiben. Anscheinend bin ich damit in guter Gesellschaft.
Einer der Professoren blockiert seinen Gegner schon im ersten Spielzug und kesselt ihn komplett ein. So funktioniert eine heimliche Belästigung nicht!! Mein Brettspiel scheinbar schon.
Touchée. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Da müssen wohl ein paar Regeln überdacht werden.
27. Oktober 2021
„Opferkultur“
Ein Seminar schiebe ich schon mein ganzes Studium lang vor mit her. In Design 2 können wir unsere Skills für Illustrationen und auch in 3D Art vertiefen. Im Vorjahr hatte ich mitbekommen, dass es viel um Charakterdesign und Kunst für klassische Videospiele ging. Das geht zum einen an meinem Projekt vorbei, zum anderen trifft es nicht wirklich mein Interesse. Ich bewundere Menschen, die viel Herzblut in einen Charakter stecken. Meine Leidenschaft ist es nicht.
Trotzdem habe ich mich ja auch dafür ‚verpflichtet‘, als ich mich entschieden habe im Games Master zu studieren. Ich melde mich also an und stelle erstmal fest, dass der Dozent überraschend flexibel ist. Wir dürfen, wie auch in vielen anderen Seminaren, selbst entscheiden, woran wir arbeiten. Er fragt kurz ab, an welchen Projekten wir gerade arbeiten, damit er einen Überblick über die Bedürfnisse von allen zu bekommen.
Ich stelle mein Projekt in zwei Sätzen vor:
„Hallo ich bin Annabell und ich arbeite an einem Brettspiel, dass sich mit sexualisierter Gewalt und Belästigung auf dem Heimweg beschäftigt.“
Nach der Vorstellungsrunde kommt der Dozent zuerst bei meinem Spiel vorbei. Bevor ich überhaupt erklären kann, welche Design Aufgaben anstehen, fängt er mit einem Monolog an, der mindestens eine halbe Stunde dauern soll. Ich bekomme erklärt, dass diese „Me-too-Debatte“ die reinste „Opferkultur“ sei. Er berichtet von einer Fernsehreportage, die angeblich zeigt, dass Frauen, ‚halt einfach nur selbstbewusster auftreten müssen‘, wenn sie belästigt werden. Dann würden Männer auch mit der Belästigung aufhören. Demnach erledige sich das Problem schon von alleine. Spätestens bei der Erzählung von seiner geplanten Männer-Selbsthilfegruppe, die den „wahren Opfern der Sexismusdebatte“ helfen soll, schalte ich ab.
Für mich ist das nichts Neues. Das ist Feedback, das ich häufig bekomme, wenn ich Menschen von meinem Projekt erzähle. In dem Moment, in dem ich auch nur andeute, dass es in meinem Spiel um Sexismus gehen könnte, fühlen sich manche Männer erstmal angegriffen und fangen an sich zu verteidigen. Das ist anstrengend, aber damit lässt sich umgehen. Meistens reicht es zuzuhören und zu verstehen, wo die Angst gerade herkommt. Dann berichte ich von meinen Beweggründen für das Spiel. Spätestens, wenn ich berichte, dass viele Mädchen mit 11 oder 12 zum ersten Mal belästigt werden, versteht auch der männlichste Aktivist für Männerrechte, dass das ein ernstes Thema ist. Kinder wollen sie ja alle schützen. Erwachsene Frauen bekommen immer erstmal eine Mitschuld. Bei Kindern versteht dann auch der letzte Volldepp, dass sexuelle Belästigung nicht zu entschuldigen ist.
Allerdings ist mir ein Sache sehr bewusst: An jedem Termin, an dem ich meine Designs für den Kurs vorstelle, würde ich eine weitere feurige Rede lostreten. Unter meinen Mitstudis wird es sicherlich Betroffene geben, die Belästigung erlebt haben. Dann erzählt zu bekommen, sie seien ‚einfach nicht selbstbewusst genug‘ und seien damit selbst Schuld – solche Aussagen sind zutiefst verletzend.
Das muss nicht sein. Ich versuche eine solche Situation zu verhindern und fragte direkt, was ich maximal abgeben muss, um diesen Kurs zu bestehen. Auch hierbei ist der Dozent flexibel. Ich bin für den Rest des Seminars also passive Beobachterin und gebe am Ende ein Dokument mit meinen Arbeiten ab.
19. November 2021
Glitzer in den Ohren

Über die Weihnachtszeit gehe ich endlich meinem Vorhaben nach, eine Playlist für den Heimweg zu erstellen. Viele Betroffene haben berichtet, dass sie sich in einer Stresssituation gerne zurückziehen, Musik auf die Ohren geben und dann in ihre eigene Welt abtauchen.
Auch mir hilft Musik auf dem Heimweg. Ich bleibe wach und fühle mich stärker. Besonders wenn mir eine feministische Rapperin ins Gehör brüllt.
Immer wieder gibt es öffentliche Diskussionen, in denen Frauen eine Mitschuld gegeben wird, wenn sie bei einer Belästigung Musik gehört haben. Auf der Webseite der Hochschule Kempten können Frauen bis heute ein Dokument herunterladen, auf dem sie Tipps für mehr Sicherheit auf dem Heimweg bekommen. Tipp Nr. 5 ist hier: „Handy weg – Kopfhörer raus!“. Eine Ausnahme sollte nur ein simuliertes Telefonat sein, mit dem Frauen einen Angreifer „abschrecken“ können.
(Hochschule Kempten; Gleichstellung und Familie,
Eigenes Sicherheitsgefühl stärken, S.2, o.D.)
Ich bekomme das grobe Kotzen, wenn ich sowas lese. Das ganze Dokument gibt mir das Gefühl, dass ich als Frau hier erzogen werde. Ich höre einen Mann Mitte 40, der mir wie an einer Familienfeier sagt: ‚So junges Fräulein, jetzt legen wir mal das Handy weg.‘
Ich habe das Recht in einer Bahn Musik zu hören. Besonders, wenn ich mir eine Situation unangenehm ist. In einer Belästigungssituation mache ich, womit ich mich wohl fühle. Ich muss nicht „wachsam“ bleiben, besonders nicht als Betroffene. Männer müssen aufhören mich zu belästigen. Andere Männer müssen aufhören wegzuschauen. Männer müssen anfangen ihren Kumpel in die Verantwortung zu ziehen, wenn er Frauen belästigt.
Wer sich mit Musik bestärkt fühlt, kann jetzt in die Playlist „Das ist kein Spiel mehr“ auf Spotify reinhören.

Dezember 2021
Werbung ist immer nervig
Bei einem Meeting an der Hochschule besuche ich nach langer Zeit mal wieder die Toiletten des HAW Standorts Finkenau. Ich stellte fest, dass die Toiletten mit den Begriffen „Damen“ und „Herren“ ausgeschildert sind. Ich fühle mich jetzt nicht wirklich damenhaft. Ich weiß vor allem, dass es einige nichtbinäre Menschen an unserer Uni gibt, die sich in keinem dieser Schilder wiederfinden. Außerdem gibt es Transfrauen, die Stehtoiletten benutzen und es gibt Männer, die sich hinsetzen zum pinkeln.

Ich hatte ohnehin vor, die Weihnachtsangebote verschiedener Druckereien zu testen.
Die Sticker von der letzten Präsentation kamen teilweise als Etiketten bei mir an. Das heißt, ich musste sie erst zurecht schneiden. Das Material und die Farben sahen manchmal anders aus, als erwartet. Die Idee von Stickern kam jedoch generell gut an. Zeit für ein paar weitere Probedrucke!
Ich entschließe mich also 120 Steh- und Sitzklo-Sticker zu drucken und jede einzelne Toilette des Standorts Berliner Tor und der Finkenau umzubenennen. Mit einem Link oder einem QR Code könnte ich so Werbung für mein Projekt machen.
13. Januar 2022
Das ist wirklich >kein Spiel<.
Für das zweite Werkstattgespräch möchte ich unbedingt ein gedrucktes Brettspiel präsentieren können. Ich entscheide mich für ein Unternehmen, bei dem ich später auch größere Auflagen drucken könnte. Zur Zeit plane ich nicht 300 Stück zu drucken. Aber ich könnte mich zumindest mit dem Ablauf hinter so einem Druck beschäftigen.

Das Brett und die Box lassen sich problemlos so drucken, wie ich mir das vorgestellt habe. Die Figuren zum Spiel gibt es jedoch nicht in den richtigen Farben. Die Karten muss ich extra drucken lassen und eine Anleitung wäre viel zu teuer.
Ich muss also eine Anleitung über meinen Copyshop drucken und die Figuren bei einem anderen Unternehmen kaufen.
Das Problem vor dem ich nun stehe: Ich bekomme keine CE Kennzeichnung, wenn ich die Spielbox nochmal öffne und extern gedrucktes Spielmaterial dazu lege. Ohne CE Kennzeichnung könnte ich mein Spiel aber gar nicht „Spielzeug“ nennen. Ich kann nicht nachweisen, dass es in der Anwendung sicher ist und hafte im Ernstfall, wenn Kinder zu Schaden kommen.
Gut, dass mein Spiel „Das ist kein Spiel mehr“ heißt.
Ich stelle fest, dass der Grauton auf dem Brett sehr viel dunkler erscheint, als der Grauton auf der Verpackung. Dadurch wirkt das Cover sehr viel weniger anklagend und nicht mehr so düster wie geplant. Beim nächsten Probedruck werde ich das Cover also wieder mit einem vollschwarzen Hintergrund versehen.
Abgesehen davon macht das gedruckte Spiel aber einiges her. Allein die nahtlose Verpackung lässt das Spiel deutlich seriöser erscheinen. Die Geräusche beim Aufklappen der Spielbretts waren schon richtig brettspielmäßig.
Überlegungen, die jetzt auf mich zukommen:
- Welche Pflichtangaben brauche ich wirklich?
- Möchte ich das Spiel als ‚Spielzeug‘ an Minderjährige herausgeben? (Eher nein)
- Darf ich das Ding trotzdem Brettspiel nennen? Was muss ich beim Weitergeben beachten?
- Gibt es Regelungen für die Bildungsarbeit oder pädagogische Einrichtungen?
- Und wie zum Geier sollen eigentlich die Emotionalen Kapazitäten aussehen?
11. Januar 2022
Kritik, Details und Reflexion
Das zweite Werkstattgespräch wäre eigentlich dazu gedacht, die Fortschritte seit dem letzten Treffen zu zeigen. Allerdings haben sich viele meiner Fragen noch nicht geklärt. Ich kann also wenig Neues zeigen. Für die Benotung ist das natürlich schlecht. Das Werkstattgespräch ist schließlich auch eine Art Zwischenprüfung. Für das Projekt ist das jedoch eine gute Gelegenheit. Im Publikum sitzen viele erfahrene Spielentwickler*innen, die ihre Erfahrung gerne teilen.
Meine Probleme:
- Es gibt kein Unternehmen, das meine Spielbox komplett druckt, eine CE Kennzeichnung hinzufügt und dann unter einem Preis von 50€ bleibt.
- Einige Vereine und Bildungseinrichtungen haben Interesse an meinem Spiel. Ich fühle mich aber nicht sicher damit. Mein Spiel hat keinen pädagogischen Leitfaden und ich kann wenig abschätzen, wie mein Spiel auf eine Gruppe Menschen wirken könnte, die deutlich jünger sind, als ich.
- Ich habe keinen festen Plan dazu, wie ich das Spiel unter Menschen bringen möchte. Mich stört das nicht, ich möchte ja gar kein Geld damit verdienen. Ich werde jedoch immer wieder darauf festgenagelt.
Ich fasse den aktuellen Stand des Projekts zusammen und bekomme tatsächlich viel Input. Tipps und Anlaufstellen sind dabei, aber auch wichtige Kritikpunkte:
- Rassismus:
Belästigung umfasst viele Phänomenbereiche. In meinem Spiel geht es viel um Abwertung, die sich gegen Frauen und Weiblichkeit richtet. Über Abwertung, die Menschen durch rassistische, islamfeindliche oder antisemitischen Haltungen erfahren, kann ich schlecht reden. Ich möchte es nicht weglassen, auch das gehört zum Thema ‚Angst auf dem Heimweg‘. Ich kann diese Angst aber nicht nachfühlen, da ich selbst nicht davon betroffen bin. Ich muss mir gut überlegen, wie ich Erfahrungsberichte von anderen ins Spiel einfließen lasse. - Spielbegriff:
Eine Aktivität gilt nur als Spiel, wenn alle freiwillig teilnehmen. Auch ein Serious Game soll Spaß machen. Menschen, die zum ersten Mal von meinem Projekt hören, kennen die Entstehungsgeschichte meist nicht. Mein Spiel wirkt dann erstmal bagatellisierend. Es wirkt so, als würde ich Menschen zu belästigendem Verhalten animieren und einfach mit den Grenzen des Sagbaren spielen.
Mir wird dadurch klar, dass ich nochmal Arbeit in meine Anleitung stecken sollte. Auch die Idee mit der Webseite steht noch im Raum. Ich sollte Menschen unbedingt meine Gedankengänge zum Spiel mitteilen. Ich möchte mich nicht über Betroffene lustig machen oder sogar eine Mitschuld unterstellen. Mit der Möglichkeit das Spiel zu gewinnen, suggeriere ich ja auch eine Art von Kontrolle über eine Situation. Während des Game Design Prozess habe ich mir viele Gedanken dazu gemacht. Mir ist klar, was ich mit dem Spiel sagen will. Jetzt muss ich einen Weg finden mich mitzuteilen. - Pädagogik:
Ich habe mein Spiel zwar in Kleingruppen getestet. Allerdings fanden diese Testspiele immer mit Menschen statt, die ich aus feministischen Kreisen kannte, die mir sehr nahestehen oder auch an der Uni mit Menschen, die professionell mit Spielen arbeiten. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie das Spiel wirken könnte, wenn Menschen gar keine Berührungspunkte mit den Themen hatten. Jetzt schreiben mich Vereine an, die mein Spiel gerne für Weiterbildungen nutzen wollen. Oder sogar unter Jugendlichen. Eine Weiterbildung heißt, Menschen müssen das Spiel spielen, vielleicht sogar um beruflich weiter zu kommen.
Es braucht dringend einen Leitfaden. Gruppenleiter*innen müssen sich auf mein Spiel vorbereiten können. Ich muss ausformulieren, wann mein Spiel nicht gespielt werden sollte. Es braucht Regeln, Spielende brauchen die Möglichkeit zu einer Pause oder einem Spielstop. Es braucht eine Vorbereitung und eine Nachbearbeitung. Vielleicht sollte ich mich nochmal mit Expert*innen aus dem Bereich zusammen setzen.
- Weitere Sprachen:
Mehrfach kam die Frage auf, ob es das Spiel auch in anderen Sprachen geben wird. Menschen berichten mir, dass sie das Spiel gerne mit ihrer Familie spielen möchten. Zum Umgang mit Belästigung kommen auch immer Interkulturelle Aspekte hinzu. Wie wird mit Betroffenen umgegangen? Wie unterstützen sich nahestehende Menschen untereinander? Wie sieht Täterarbeit aus? Was hilft mir in einer solchen Situation, was stresst mich noch mehr?
Ich setze mich mit einer Freundin zusammen, die in Iran aufgewachsen ist. Wir reden über Belästigungssituationen, über Familie und wie sich gegenseitig geholfen wird. Plötzlich geht es nicht nur um Sprache. Ich merke, Öffentlichkeit ist dort etwas anderes. Gesetze sind anders, Geschlechter funktionieren anders. Vereine und Hilfestellen werden in Deutschland ganz anders genutzt.
Es gibt nicht die Möglichkeit auszusteigen und das Fahrrad zu nehmen. Frauen können in Iran nicht uneingeschränkt Fahrrad fahren. Frauen wird mitunter ‚unzüchtiges Verhalten‘ vorgeworfen, wenn sie vor den Augen eines Mannes auf einem Sattel sitzen. Den Berichten meiner Freundin nach, bedeutet ein Fahrrad sitzen noch mehr ungewollte Aufmerksamkeit.
Ich sehe parallelen zu Deutschland, auch hier berichten Frauen, sich noch ausgelieferter zu fühlen, wenn sie auf einem Fahrrad sitzen. Männer schreien einem ins Ohr, man kann nicht so schnell absteigen und sich wehren. Männer scheinen diese vulnerabele Position auszunutzen. Auch in Deutschland hatten Männer zuerst das Gefühl, Fahrradfahren geziemt sich für eine Frau nicht. Es wurde sexualisiert, es wurde als Machtinstrument genutzt, um die Bewegungsfreiheit von Frauen einzuschränken. Eine kleinen Parallele, dabei bleibt es aber auch. Die Ausgangssituation ist trotzdem komplett anders.
Nach sexualisierter Gewalt die Polizei rufen, das ist in Iran keine Option. Der Polizei wird nicht vertraut, auch gesetzlich kann Frauen eine Teilschuld angelastet werden. Hilfestellen, die feministisch arbeiten, werden stellenweise kriminalisiert. Es gibt Unterstützung und es gibt Netzwerke, aber eben anders. Mein ganzes Spiel würde anders funktionieren. Das Spiel ‚einfach‘ zu übersetzen würde demnach keinen Sinn machen. Es wäre aber schön, wenn es vielleicht mal ein Geschwister-Spiel geben würde, in dem Menschen aus anderen kulturellen Kontexten von ihren Strategien erzählen.
19. Januar 2022
„Reg dich doch nicht so auf“?!

Ich setze mich erneut an das Cover und gehe die Liste durch, auf der Betroffene die belästigende Sprüche gesammelt haben. Es haben sich viele Sprüche eingeschlichen, die scheinbar aus Gesprächen nach einer Belästigungssituationen kommen. Zum einen möchte ich ungern Zitate aus der Liste heraus nehmen. Zum anderen hatte ich diesen Aspekt noch gar nicht bedacht.
Ich entscheide mich das Cover in zwei Spalten aufzuteilen. In linken Spalten sind Sprüche aufgeführt, die Menschen auf ihrem Heimweg zu hören bekommen haben. Die beiden rechten Spalten listen Sprüche auf, die danach aus dem Bekanntenkreis kamen. Gerade diese Sprüche bereiten mir ein mulmiges Gefühl im Bauch. Betroffene haben sich hier an eine vertraute Person gewandt. Sie haben von einer schlimmen Erfahrung erzählt und Mitgefühl oder Solidarität erwartet. Stattdessen kommt dann als Antwort:
„Selbst dran schuld, wenn du eine Kleid anziehst.“
Anfang Februar 2022
Interwebs
Ursprünglich war der Plan, im Januar mit der Arbeit an der Webseite anzufangen. Ich habe gemerkt, dass es sinnvoll wäre den Game Design Prozess öffentlich zugänglich zu machen. Die Liste der ganzen Hilfestellen und der Kunstprojekte zum Thema möchte ich gerne teilen. Es wäre schön, wen Menschen eine Kontaktliste einfach runter laden könnten.

Ich lese mich in verschiedene Möglichkeiten rein. Ich habe noch nie eine Webseite selbst gemacht. Ich durfte über meine Selbstständigkeit an Webseiten mithelfen.
Ich durfte immer mal wieder für andere Artikel einpflegen oder Zeichnungen machen. Aber so richtig alleine? Mit meinem Namen im Impressum und einer eigenen Datenschutzerklärung?
Ich habe erstmal großen Respekt vor der Aufgabe.
Der Verein AMYNA e.V. und der BDKJ hatte 2015 eine Broschüre mit dem Titel „Das ist kein Spiel mehr“ heraus gegeben. Es fängt also schon mit dem Titel meiner Webseite an. Ich versuche die Autorin, die Vereine und deren Pressestellen zu kontaktieren. Leider sind die Mitarbeitenden wegen der Pandemie im Homeoffice und schwer zu erreichen. Am 17. Februar erreicht mich dann aber zum Glück die leitende Autorin der Broschüre und gibt den Titel offiziell frei. Juhu! Jetzt kann ich loslegen.
Special Thanks an dieser Stelle an die Autorin Yvonne Oeffling!
17. Februar 2022
Das-ist-kein-Spiel-mehr.com

Ich lasse mir direkt am nächsten Tag den Titel für meine Webseite sichern und lege begeistert mit der Gestaltung los.
Für meine Hochschule muss ich am Ende der drei Semester eine Dokumentation meines Projekts abgeben. Wie praktisch! Ich wollte ja ohnehin meinen Game Design Prozess mit der Welt teilen. Das kann jetzt alles über die Webseite laufen.
Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass ich keine Präsentationen mehr hin und her schicken muss. Keine USB Sticks und keine verzweifelte Suche nach HDMI Kabeln und kompatiblen Laptops mehr. Ich kann von überall auf die Webseite zugreifen und muss nie wieder durch unser Hochschulwiki krebsen.
18. Februar 2022
Letzte Präsentation, letztes Feedback
Ende März dürfen wir alle nochmal zu einer letzten Präsentation antreten. Der Games Master beginnt jedes Jahr im März. Die Präsentation findet daher nicht wie gewohnt „unter uns“ statt, sondern auch vor den neuen Studis. Ich bekomme heute also Feedback von Dozent*innen und den anderen Teams in meinem Jahrgang. Ich bekomme auch Input von den neuen Erstis.
Was ist in der Zwischenzeit passiert?
In meiner Präsentation fasse ich kurz das Projekt zusammen und erzähle, woran ich zur Zeit arbeite:
Balancing

Balancing ist ein Prozess, der wohl nie enden wird.
Mein Spiel orientiert sich nicht an bestehenden Spielmechaniken. Es ist kein klassisches Quartett, bei dem ich mich an ein Punktesystem halten kann, das schon tausendfach optimiert und ausgetestet wurden. Wenn ich die Regeln verändere, muss ich das Spiel von Testpersonen durchspielen lassen. Immer und immer wieder.
Ich habe zwei Baustellen, an die ich ständig zurück komme:
- Wie viele Schritte geht jede Figur?
- Wie viele Leben (emotionale Kapazitäten) gibt es?
Die Diskussion um diese Themen ging schon beim ersten Arbeitsmodell und beim allerersten Testspiel los. Es fühlt sich frustrierend an, dass ich ein Jahr später immer noch an diesen Entscheidungen rumpopele. Allerdings hat sich schon etwas geändert:
Ich habe jetzt eine feste Zielgruppe und ich weiß, wo das Spiel eingesetzt werden soll. Das Spiel soll ein Conversation Starter sein. Es richtet sich an junge Menschen, die selbst betroffen sind. Oder auch an Menschen, die keine Belästigung erleben, sich aber mit der Perspektive von Betroffenen auseinandersetzen wollen. Das Spiel ist eine Karikatur der Realität, Strukturen sollen aufgezeigt und überdacht werden.
Daran mache ich zur Zeit meine Entscheidungen zum Balancing fest:

Spielzeit? 20 Minuten
Als Conversation Starter soll mein Spiel nicht immer wieder gespielt werden. Es soll nicht unterhalten, es soll eine Unterhaltung anstoßen. Es genügen also ein oder zwei Mal Durchspielen. Es soll nicht langweilig und auch nicht überfordernd werden. Mein Spiel soll Gefühle und Inhalte vermitteln, die währenddessen besprochen und auch danach nochmal reflektiert werden. 20 Minuten Spielzeit für ein Spiel reichen also vollkommen. Je länger es dauert, desto mehr Gedanken vergessen die Spielenden auch wieder. Ich spreche außerdem ein unangenehmes Thema an. Spielende müssen abschätzen können, ob sie dafür Kapazitäten haben. 20 Minuten ist ein gutes Zeitfenster für eine solche Abschätzung.

2 Schritte für alle
Bei Testspielen sehe ich, dass Menschen zwei oder drei Spielzüge brauchen, um Karten zu legen. Spielende haben Hemmungen, weil es um ein unangenehmes Thema geht. Aber auch weil ihnen nicht bewusst ist, wie wenige Züge sie haben, um zu gewinnen. Und weil der erste Impuls ist, die Karten auf der Hand zu sammeln. Das Spiel braucht also gerade am Anfang ein bisschen Dynamik.
Neben Anmerkungen in der Anleitung hilft mehr Bewegung auf dem Spielbrett. Spielende werden zackiger, wenn sie sich auch schneller zwischen den Positionen auf dem Spielbrett hin und her bewegen können. Die Spielkarten sind dann außerdem schneller einsatzfähig.
Zudem kommt es immer wieder zu Verwirrung, wenn die Figuren unterschiedlich weit laufen dürfen. ‚2 Schritte für alle‘ ist weniger kompliziert. 2 Schritte heißt, dass über einen Spielzug hinweg geplant werden muss. Über diesen Spielzug hinaus, geht es dann aber schnell weiter.

Weniger Endboss-Karten
Unter den Angriffen gibt es sogenannte X Karten. Damit sind Formen von Belästigung gemeint, bei denen es einfach keine Verteidigung gibt.
Zum Beispiel:
Wenn in der Bahn heimlich ein Foto von mir gemacht wird, bekomme ich das gar nicht mit. Ich kann mich nicht wehren. Dagegen kann eine vertraute Person dazukommen, wenn ich in einem unangenehmen Gespräch festhänge.
Zu viele X Karten sorgen im Brettspiel dafür, dass die belästigte Person viel zu schnell verliert. Außerdem macht es die Spielzeit unberechenbar. Wenn zu Anfang nur X Karten gezogen werden, ist das Spiel sofort vorbei.

Zwei Drittel der Betroffenen verlieren
Betroffenen wird in der Realität immer wieder suggeriert, sie seien an einer Belästigung selbst schuld. Tipps für den Umgang mit Belästigung sind daher immer mit Vorsicht zu genießen. Immer wieder fallen Aussagen wie:
„Geh niemals mit fremden Männern mit.“
„Gibt niemals deine Telefonnummer heraus.“
„Nehme eine selbstbewusste Körperhaltung ein, dann bist du kein attraktives Opfer für Täter.“
Solche Tipps sind nett gemeint, verlagern aber die Schuld auf die Betroffenen. Betroffene haben dann das Gefühl, sie müssen sich kluge Strategien zulegen. Und wenn sie doch belästigt werden, dann haben sie sich ’nicht gut genug‘ auf die Situation vorbereitet.
Mein Spiel soll zeigen, dass es kein Ausweg gibt. Die Strukturen, die Belästigungen möglich machen sind unfair. Belästigungen lösen Angst und eine unangenehme Atmosphäre aus. Strategien oder Hilfestellen können im Einzelfall helfen, sind aber keine Wundermittel. Ein Entkommen gibt es nur, wenn das ganze Spiel mit allen seinen Regeln hinterfragt wird. Belästigung hört nicht auf, wenn sich die Betroffenen ‚besser wehren‘. Belästigung hört auf, wenn die Machtstrukturen angegangen werden, entlang derer Belästigung stattfindet.
Betroffene sollen während des Brettspiels deshalb häufiger verlieren, sie sollen aber auch nicht sofort verlieren. Das Spiel soll sich ein wenig unfair und auch ein wenig unangenehm anfühlen. Die Verteidigungskarten sollen das falsche Gefühl von ‚Ich kann mich doch bestimmt wehren.‘ eine Weile mittragen. Deshalb ist das Spiel so konzipiert, dass es zwar eine Chance gibt zu gewinnen. Diese Chance liegt für die Betroffenen aber nur bei ca. 30%.
Hier eine Zusammenfassung aus dem Input, den ich bekommen habe:
Seltene Situationen

Einführung ins Thema

Die Anleitung zu meinem Spiel muss nochmal komplett überarbeitet werden. Die Leute haben sich mehr Bilder gewünscht, bessere Farbkontraste, genauere Formulierungen.
Am meisten wurde jedoch eine Einführung ins Thema gewünscht. Etwas wie ein QR Code, der auf eine Seite führt, die Statistiken aufzählt und nochmal die Relevanz des Themas zeigt.
Einen Text, der catchy geschrieben ist und zeigt:
>>Das Thema Belästigung ist wichtig und es muss angesprochen werden. Mein Spiel hat eine Daseinsberechtigung!<<
Mehr Ereignisse

Nein, eingequetscht sein aber ja
24. März 2022
Teaser, Roll-Up und Plakate
Rundgang
Und jetzt?